ESMA Statement: Zwischenberichterstattung und alternative Leistungskennzahlen in Zeiten der Corona-Pandemie

Die europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) hat in ihrer am 20. Mai veröffentlichten Verlautbarung die Erwartungen an Zwischenabschlüsse nach IAS 34 und Zwischenlageberichte im Jahr 2020 vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie ausgeführt.

Mit ihrer Verlautbarung wendet sich die ESMA nicht nur an Abschlussprüfer, sondern auch an die Geschäftsleitung, die Aufsichtsorgane und die Prüfungsausschüsse der Unternehmen. Insbesondere die Prüfungssauschüsse werden explizit ermutigt, ihre Aufsichtsfunktion zu verstärken. Diese sei für die Bereitstellung hochwertiger Halbjahresfinanzberichte von entscheidender Bedeutung. 

Im Folgenden werden die wichtigsten Punkte der ESMA-Verlautbarung dargestellt.

Keine Verschiebung des Veröffentlichungszeitpunkts

Unternehmen haben ihren Halbjahresbericht gem. § 115 Abs. 1 Satz 1 WpHG spätestens drei Monate nach Ablauf des Berichtszeitraums der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Das Ziel der Zwischenberichterstattung ist es, eine zeitnahe, relevante und zuverlässige Information bereitzustellen, die zur Aktualisierung der Informationen des letzten Jahresabschlusses dient. Vor diesem Hintergrund erkennt die ESMA zwar die schwierige Situation durch COVID-19 und die daraus resultierenden Überlegungen zur Verschiebung der Veröffentlichung der Halbjahresberichte an, dennoch sollten Unternehmen die Veröffentlichung von Zwischenberichten, wie bspw. von Halbjahresberichten, nicht unangemessen verzögern.

So weist die ESMA daraufhin, dass für alle Unternehmen eine Pflicht nach IAS 34.16A(h) besteht, wesentliche, nach Ende des Berichtszeitraums eingetretene Ereignisse anzugeben, die im Zwischenabschluss nicht berücksichtigt sind (wertbegründende Ereignisse nach dem Abschlussstichtag). Bei einer Verschiebung des Zeitpunkts der Veröffentlichung sind daher unter Umständen mehr Angaben über zwischenzeitlich eingetretene wertbegründende Ereignisse notwendig.

Erläuterungsanforderungen in der Halbjahresberichterstattung

Ziel der Halbjahresberichterstattung ist es, die im letzten Jahresabschluss gegebenen Informationen zu aktualisieren (IAS 34). Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Information über neue Tätigkeiten, Ereignisse und Umstände. Bereits im Jahresabschluss mitgeteilte Angaben sind grundsätzlich nicht zu wiederholen.

Die ESMA geht davon aus, dass die Corona-Pandemie für die meisten Unternehmen ein bedeutendes Ereignis im Sinne der Absätze 15 bis 15C des IAS 34 darstellt. Sie fordert die Unternehmen daher ausdrücklich auf, den Detaillierungsgrad der bereitgestellten Informationen anzupassen und gegebenenfalls zu erweitern. Besonderes Augenmerk liegt dabei unter anderem auf

  • der Abschreibung von Vorräten auf den Nettoveräußerungswert;
  • der Erfassung eines Aufwands aus der Wertminderung von finanziellen Vermögenswerten, Sachanlagen, immateriellen Vermögenswerten, Vermögenswerten aus Verträgen mit Kunden oder anderen Vermögenswerten sowie der Aufhebung solcher Wertminderungsaufwendungen;
  • der Auflösung etwaiger Rückstellungen für Restrukturierungsmaßnahmen;
  • der Veränderung im Unternehmensumfeld oder bei den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die sich auf den beizulegenden Zeitwert der finanziellen Vermögenswerte und Schulden des Unternehmens auswirkt, unabhängig davon, ob diese Vermögenswerte oder Schulden zum beizulegenden Zeitwert oder zu fortgeführten Anschaffungskosten angesetzt werden;
  • jedem Kreditausfall oder Bruch einer Kreditvereinbarung, der nicht bei oder vor Ablauf der Berichtsperiode beseitigt ist;
  • der Verschiebung zwischen den verschiedenen Stufen der Fair-Value-Hierarchie, die zur Bestimmung des beizulegenden Zeitwerts von Finanzinstrumenten zugrunde gelegt wird und
  •  der Änderung bei der Einstufung finanzieller Vermögenswerte, die auf eine geänderte Zweckbestimmung oder Nutzung dieser Vermögenswerte zurückzuführen ist.

Explizit betont die ESMA, dass gem. IAS 1.17 und IAS 1.31 bei der Darstellung des Abschlusses zusätzliche Angaben, über die Mindestanforderungen des IAS 34 hinaus, erforderlich sein können, um ein tatsächliches Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage sowie des Cashflows des Unternehmens zu erhalten. Hinsichtlich der verschiedenen Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen empfiehlt die ESMA, Transparenz in Bezug auf die Förderfähigkeit und die Bedingungen und Konsequenzen zu schaffen. Dies betrifft (??) insbesondere IAS 20 (Bilanzierung von Zuwendungen der öffentlichen Hand und Offenlegung von staatlicher Unterstützung), IAS 12 (Ertragsteuern) und IFRS 16 (Leasingverhältnisse).

Angaben zu wesentlichen Unsicherheiten, Going Concern und Corona-bezogenen Risiken

Durch die durch die Corona-Pandemie ausgelöste Unsicherheit besteht bei vielen Unternehmen ein erhebliches Risiko in Bezug auf die Anpassung der Buchwerte von Vermögenswerten und Verbindlichkeiten. Die ESMA fordert daher, die zum Jahresende vorgenommene Bewertung bezüglich der Zukunft gemäß IAS 1.125 zu aktualisieren. Darüber hinaus sollen nach IAS 34.16A(d) Angaben zu Art und Höhe der Änderungen von Schätzungen der Beträge, die in früheren Zwischenberichtsperioden des laufenden Geschäftsjahres gemeldet wurden, oder Änderungen der Schätzungen der Beträge, die in früheren Geschäftsjahren gemeldet wurden, aktualisiert werden.

Bei Unsicherheiten bezüglich des Going Concerns sind Unternehmen gem. IAS 1.25 verpflichtet, diese offenzulegen. Dabei müssen alle verfügbaren Informationen über einen Zeitraum von mindestens 12 Monaten nach dem Bilanzstichtag zugrunde gelegt werden. Die ESMA weist darauf hin, dass gemäß den Feststellungen des IFRS Interpretations-Committee aus Juli 2014 die Unternehmen die Grundlagen benennen müssen, auf denen das Management zu dem Schluss gekommen ist, dass keine Bedenken hinsichtlich der Fortführung bestehen. Es wird daher erwartet, dass Unternehmen, die besonders von der COVID-19 Krise betroffen sind, Angaben zur Unternehmensfortführung machen.

Risiken, die durch die Corona-Pandemie ausgelöst wurden, sind nach IFRS 7 zu berücksichtigen. Zu den Risiken, die zum Ende des letzten Berichtszeitraums noch nicht bekannt waren, gehören zum Beispiel die Neuverhandlung von Schulden, finanzielle Vereinbarungen oder die Verletzung von Covenants. Gemäß IFRS 94 sind diese Angaben auch für Berechnung von zu erwartenden Kreditverlusten relevant.

Wertminderung nichtfinanzieller Vermögenswerte

Durch die Corona-Pandemie dürften in vielen Fällen auch Anhaltspunkte für die Wertminderung von Vermögenswerten im Sinne von IAS 36.9 und 12 vorliegen. Die ESMA weist daraufhin, dass anhand einer Reihe interner und externer Informationsquellen zu beurteilen ist, ob Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass ein Vermögenswert wertgemindert sein könnte. Nach ihrer Ansicht liegt im Fall der COVID-19-Pandemie mit überwiegender Wahrscheinlichkeit die Schlussfolgerung eines „Triggering Events“ nahe. Außerdem betont sie in diesem Zusammenhang das Erfordernis einer sorgfältigen Bestimmung von Cashflow-Projektionen über einen relativen Zeithorizont. Diese Prognosen können angesichts der gegenwärtigen Umstände mehrere Szenarien erfordern. Die Gewichtung der Szenarien muss dabei auf der Grundlage vernünftiger, belastbarer und realistischer Schätzungen und Annahmen kalibriert werden, um das Risiko zu optimistischer oder zu pessimistischer Verzerrungen zu vermeiden. Dabei dürfen auch Durchschnittswerte und abgekürzte computergestützte Verfahren verwendet werden.

Die ESMA erinnert allerdings daran, dass es wichtig ist, die Angaben zu den wesentlichen Beurteilungen und Annahmen, die diesen Bewertungen zugrunde liegen, zu aktualisieren. Diese Aktualisierung ist für das Verständnis der Änderungen der Finanzlage oder Leistung eines Unternehmens seit dem letzten Berichtszeitraum von Bedeutung.

Darstellung in der Gewinn- und Verlustrechnung

Eine gesonderte Darstellung der Auswirkungen der COVID19-Pandemie in der GuV wird von der ESMA nicht gutgeheißen. Eine solche Darstellung könnte sich nachteilig auf das Verständnis für den Jahresabschluss auswirken, da sie die Ertragslage unter Umständen nicht angemessen wiedergibt. Stattdessen sollen die Informationen über die (quantitativen) Auswirkungen besser in einer gesonderten Anmerkung im Anhang zusammengefasst werden.

Sonstige Offenlegungspflichten für den Halbjahresabschluss

Zusätzlich zu den oben genannten Punkten erinnert die ESMA daran, dass die Unternehmen auch die sonstigen IFRS-Anforderungen im Rahmen der halbjährlichen Finanzberichterstattung einzuhalten haben. Besonders hingewiesen wird auf die Erfassung latenter Steueransprüche und Steuererleichterungen gemäß IAS 12, die Bewertung zum beizulegenden Zeitwert gemäß IFRS 13, Rückstellungen und belastende Verträge gemäß IAS 37 und Verbindlichkeiten aus Versicherungsverträgen.

Außerdem empfiehlt die ESMA Unternehmen die Entwicklungen in Bezug auf die Bilanzierung von COVID-19-bezogenen Mietkonzessionen auf der Grundlage der erwarteten Änderungen des IASB an IFRS 16 und des damit verbundenen Endorsement-Prozesses auf europäischer Ebene genau zu überwachen, sofern dies für ihre spezifische Situation wesentlich ist.

Zwischenlagebericht des Managements

Die ESMA empfiehlt im Zwischenlagebericht, der nach § 115 Abs. 2 Nr. 2, ggf. i. V. m. § 117 WpHG im Halbjahresbericht enthalten sein muss, detaillierte und unternehmensspezifische Informationen anzugeben. Im Einzelnen sind dies:

  • die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die strategische Ausrichtung und Ziele, die Geschäftstätigkeit, die finanzielle Leistung, die Finanzlage und den Cashflow des Unternehmens. Dabei liegt das besondere Augenmerk auf Einzelheiten zur Liquiditätssituation des Unternehmens und der Liquiditätsrisikomanagementstrategie, dem Umsatzrückgang sowie Störungen in Lieferketten und/oder in der Produktion;
  • alle Maßnahmen zur Bekämpfung und Abschwächung der Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die Geschäftstätigkeit. Dazu gehören auch Informationen, ob das Unternehmen einen Antrag auf öffentliche Unterstützung gestellt hat oder stellen möchte und Einzelheiten zur Art, dem Umfang und den Bedingungen dieser Unterstützung sowie die geplante Neuverhandlung von Großaufträgen;
  • sofern vorhanden, die erwarteten künftigen Auswirkungen auf die finanzielle Leistungsfähigkeit, die Finanzlage und den Cashflow sowie die damit verbundenen Risiken und die geplanten Notfallmaßnahmen, die die erwarteten Auswirkungen sowie die festgestellten Risiken und Unsicherheiten mindern sollen.

Zur Ergänzung sollen auch Angaben zu den vorgenommenen Schätzungen und die Strategie des Unternehmens zur Bewältigung der Corona-Krise erläutert werden.

Ungeachtet der Empfehlungen der ESMA möchten wir darauf hinweisen, dass bei der Aufstellung des Zwischenlageberichts auch die Anforderungen des WpHG und des DRS 16.34ff. zu beachten sind.

Richtlinien für alternative Leistungskennzahlen (APM)

Zum Schluss weist die ESMA darauf hin, dass im Frage- und Antwort-Katalog zu den Richtlinien für alternative Leistungskennzahlen (APM) die Frage ergänzt wurde, wie sich die COVID-19-Pandemie auf die Anwendung der APM-Richtlinien auswirkt.

Sollten Unternehmen aufgrund der Auswirkungen der Corona-Pandemie auf ihre Geschäftstätigkeit beschließen, in Ad-hoc-Mitteilungen, in (Zwischen-)Lageberichten, zusätzlichen periodischen Finanzinformationen, die gemäß der Transparenzrichtlinie bekannt gemacht werden oder in Prospekten, die gemäß der Verordnung (EU) 2017/1129 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 14. Juni 2017 veröffentlicht werden, neue Leistungskennzahlen offenzulegen oder alternative Leistungskennzahlen anzupassen, so ist nach Ansicht der ESMA Vorsicht geboten. Gemäß § 41 der APM-Richtlinien soll die Definition und Berechnung einer APM im Laufe der Zeit konsistent sein.

Vor der Anpassung zuvor verwendeter APMs oder der Einbeziehung neuer APMs muss nach Auffassung des ESMA sorgfältig geprüft werden, ob die beabsichtigte Anpassung oder Neuverwendung transparente und nützliche Informationen liefert, die dem Markt eine bessere Sicht hinsichtlich Vergleichbarkeit, Zuverlässigkeit und/oder Verständlichkeit der APMs und der offenzulegenden Finanzinformationen ermöglichen würden.

Eine Anpassung oder Aufnahme ist nicht angebracht, wenn die Auswirkungen einen umfassenden Einfluss auf die finanzielle Gesamtleistung und/oder den Cashflow eines Unternehmens haben. Auch in diesem Fall bieten diese neuen oder angepassten APMs dem Markt keine zuverlässige und nützliche Information und könnten zu einem irreführenden Bild hinsichtlich der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Unternehmens führen.

Abschließend erinnert die ESMA an die grundsätzlichen Anforderungen zur Verwendung von APMs, die in den Absätzen 33, 34, 41 und 43 der ESMA-Richtlinien erläutert werden. Demnach sollen Unternehmen erläutern, warum die Verwendung von APMs nützliche Informationen in Bezug auf die Finanzlage, den Cashflow oder die finanzielle Leistung bieten. Die Definition und die Berechnung sollen kontinuierlich konsistent sein. Wird eine APM ersetzt, so ist zu erläutern, warum die neue APM verlässlichere und relevantere Informationen bietet als die zuvor verwendete APM.

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